Der Oberbefehlshaber (ÖB) und die Schwedischen Streitkräfte (Försvarsmakten) haben der Regierung ihre Empfehlungen zur Entwicklung der schwedischen Verteidigungsfähigkeit vorgelegt. Diese Empfehlungen bilden die Grundlage für den kommenden Verteidigungsbeschluss, der für das Jahr 2024 geplant ist. Russland als größte Bedrohung im unmittelbaren Zeithorizont

Der Oberbefehlshaber betont in seinen Empfehlungen, dass Russland auf absehbare Zeit die akuteste Bedrohung für Schwedens Sicherheit darstellen wird. Daher erfordert die schwedische Verteidigungspolitik, dass das Risiko berücksichtigt wird, dass Russlands anhaltender Konflikt mit der Ukraine sich zu einem Angriff auch auf andere Länder ausweiten könnte.

Änderungen der Verteidigungsfähigkeit zur Stärkung der NATO-Integration

Um eine stärkere Integration mit der NATO zu erreichen, schlagen die Schwedischen Streitkräfte bestimmte Änderungen vor. Dazu gehören eine Betonung der Luftverteidigung in allen Teilstreitkräften sowie Anpassungen, um die Teilnahme an der integrierten Luft- und Raketenverteidigung der NATO (IAMD – Integrated Air and Missile Defence) zu ermöglichen. Darüber hinaus wird davon ausgegangen, dass zwei der Brigaden des Heeres langfristig zur regionalen Verteidigungsplanung der NATO sowie ein mechanisiertes Bataillon zu den gemeinsamen Einsätzen und Aktivitäten der NATO beitragen werden. Auch Logistik und Infrastruktur müssen weiterentwickelt werden, um als Unterstützungsgebiet und Transportbasis für alliierte Streitkräfte fungieren zu können.

Anforderungen an Personalaufstockung und Ausbildung

Um den Anforderungen an eine erhöhte operative Fähigkeit gerecht zu werden, sind Rekrutierung und Ausbildung von Personal erforderlich. Eine Erhöhung der Anzahl der Wehrpflichtigen (Värnplikt) auf 10.000 Personen pro Jahr wird bereits ab 2030 vorgeschlagen. Um die Jahreswende teilte die Regierung mit, dass sie 10.000 Wehrpflichtige irgendwann zwischen 2030 und 2035 anstrebt. Gleichzeitig raten die Schwedischen Streitkräfte von der Einrichtung weiterer Organisationseinheiten und Aktivitäten an bestimmten Standorten ab.

Bedarf an Materialmodernisierung und Investitionen

Die Modernisierung vorhandenen Materials und der Infrastruktur ist notwendig, um das Wachstum und die gesteigerte Fähigkeit der Streitkräfte zu unterstützen. Der größte Bedarf besteht bei Investitionen in die Infrastruktur sowie bei der Neu- und Wiederbeschaffung von Verteidigungsmaterial. Diese Investitionen sind erforderlich, um eine gesteigerte Verteidigungsfähigkeit im Zeitraum 2030–2040 zu ermöglichen.

Zusammenfassend verdeutlichen die Empfehlungen der Schwedischen Streitkräfte den Bedarf an umfassenden Veränderungen und Investitionen, um der neuen sicherheitspolitischen Lage gerecht zu werden, die Schwedens NATO-Mitgliedschaft mit sich bringt. Die künftige Fähigkeit, Schwedens Sicherheit zu schützen und die Interessen des Landes zu verteidigen, erfordert erhebliche Anpassungen in militärischen, personellen und materiellen Fragen.

Darüber hinaus wurden auch Empfehlungen zur Entwicklung der Schwedischen Streitkräfte im Zeitraum 2025–2035 vorgestellt. 

Heer: Das Heer wird mit Schwerpunkt auf verstärkter Digitalisierung und Modernisierung weiterentwickelt. Dazu gehört die Einrichtung einer Divisionsführung mit zugehörigen Brigaden, insbesondere mechanisierten Brigaden und Infanteriebrigaden, sowie einer strategischen Plattform auf Gotland (strategisch bedeutsame schwedische Insel in der Ostsee). Die Luftverteidigungsfähigkeit wird durch Integration in die Luft- und Raketenverteidigung der NATO gestärkt. Darüber hinaus wird das Heer unbemannte Flugsysteme, Patrouillenmunition und Raketenartillerie entwickeln, um seine Fähigkeiten zu verbessern.

Marine: Die Marine plant eine Halbzeitsmodernisierung der Korvetten der Visby-Klasse, um Sensoren und Luftverteidigungskapazitäten zu erweitern. Vier neue Überwasserkampfschiffe der Luleå-Klasse (benannt nach der nordschwedischen Stadt Luleå), neue U-Boote der Blekinge-Klasse sowie Unterwasserfahrzeuge sollen beschafft werden. Die gesteigerte Luftverteidigungsfähigkeit ermöglicht es den Überwasserkampfschiffen, in die Luft- und Raketenverteidigung der NATO integriert zu werden. Darüber hinaus wird die Amphibienfähigkeit durch neue Boote, Waffensysteme und Luftverteidigung gestärkt.

Luftwaffe: Die Luftwaffe plant die Einführung des JAS 39E Gripen und die Beschaffung von vier neuen Transportflugzeugen. Die Fähigkeit zur Integration in die NATO-Luftverteidigung wird weiterentwickelt, einschließlich der Fähigkeit zur Bekämpfung von Bodenzielen auf große Entfernungen. Zudem werden weitere Hubschrauber für Land- und Seeoperationen beschafft, während die Stützpunkte gegen Bedrohungen durch unbemannte Flugsysteme gestärkt werden.

Spezialverbände: Die Schwedischen Streitkräfte werden ihre Spezialverbände weiterentwickeln, um Spezialoperationen eigenständig oder als Teil von Mehrbereichsoperationen (Multi-Domain Operations) durchzuführen. Dies umfasst eine gesteigerte maritime Fähigkeit, die Beschaffung autonomer/unbemannter Systeme sowie Digitalisierung.

Militärregionen und Heimwehr: Militärregionen, Militärregionsverbände und Heimwehrverbände (Hemvärnet – Schwedische Heimwehr) werden weiterentwickelt, um die Fähigkeit zur Führung territorialer Aktivitäten und regionaler Operationen zu verbessern. Dies umfasst die Planung und Durchführung von Aufnahmeunterstützung für alliierte Streitkräfte (Host Nation Support). Die Heimwehrverbände werden ihren Fahrzeugpark erneuern und ergänzen sowie unbemannte Luftfahrzeuge, Bodensensoren, Nachtsichtgeräte, neue Handfeuerwaffen und Unterstützungswaffen einführen.

Logistik und Gesundheitsversorgung: Die Logistik und Gesundheitsversorgung der Schwedischen Streitkräfte wird weiterentwickelt, um das Wachstum der übrigen Kampfverbände zu unterstützen und die NATO-Ziele zu erfüllen. Dies beinhaltet auch die Weiterentwicklung des nationalen Logistiknetzwerks und dessen Anbindung an die Netzwerke benachbarter Länder.